Zahlen, Zahlen, Zahlen

Immer mehr Kinder mit sonderpädagogischem Unterstützungsbedarf?  Die ZEIT mokiert sich über die steigende Zahl von Schülern mit anerkanntem sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf. Die Quote als förderbedürftig anerkannter Schüler ist von 4 Prozent (1990) auf bundesweit 6,6 Prozent gestiegen. Nun zielt dieser Einwurf, wie so viele Beiträge zu ähnlichen Themen, die wir in den vergangenen Monaten lesen konnten, in eine vollkommen falsche Richtung. Zum Vergleich: Die Independent Research Group (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Selbstständige Nachwuchsgruppe “Ausbildungslosigkeit: Bedingungen und Folgen mangelnder Berufsausbildung”, Independent Research Group “Lack of Training: Employment and Life Chances of the Less Educated”) weist darauf hin, dass die Quoten anerkannten sonderpädagogischem Unterstützungsbedarfs in Europa von 1% (Griechenland) bis 18% (Finnland) divergieren.

Es besteht also nicht allzu viel Anlass, von der Zahl als förderbedürftig klassifizierter Schüler zu viel abzuleiten. Höchstens sind die Zahlen ein Anzeichen dafür, wie genau eine Gesellschaft hinschaut, frei nach dem Motto: Je höher die Quote, je fundierter die Pädagogik.

Es scheint nämlich gerade die finnische Quote nicht unbedingt unrealistisch zu sein: Seitens der IHK wird immer wieder ein Anteil von zirka 20% nicht ausbildungsfähiger Jugendlicher kolportiert.

Dies kommt den finnischen 18 Prozent relativ am nächsten. Viel wichtiger ist der Anteil derjenigen Schüler die (gemessen an der Gesamtpopulation aller Schüler eines Jahrgangs) auf eine Sonderschule, Verzeihung: Förderschule, gehen oder in einer Sonderklasse oder Spezialklasse gefördert werden. Diese Quote liegt derzeit bei zirka 4,8 Prozent und hat sich in den vergangenen Jahren auch nicht nennenswert verändert. Man bekommt den Eindruck, dass bei der Inklusion viel Wind um wenig gemacht wird. Wozu also die ganze Aufregung?

Demagogie gegen Wissenschaft und Rationalität?

Deutschland deine Apostel

Um nicht missverstanden zu werden. Ich stimme Hans Wocken in einem wichtigen Punkt zu.

Es gab einmal eine Zeit, da war schulische Integration für alle Beteiligten, für Schüler, Eltern und Schulen, eine völlig freiwillige Sache. Eltern, die Integration wünschten, fanden – eher selten, aber immerhin gelegentlich – offene Türen. Und Schulen, die nicht wollten, mussten auch nicht. Integration war ein Gnadenakt. Seitdem von Inklusion die Rede ist und die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland innerstaatlich geltendes Recht ist,  hat sich die Stimmungslage gewandelt. So manche Schulen und Schulverwaltungen sehen sich einem rechtlich gestützten Inklusionsbegehren gegenüber; sie müssen nun, was sie möglicherweise eigentlich (noch) nicht wirklich wollen.  Und die Betroffenen gehen nicht mehr betteln und Klinken putzen wie vor Zeiten, sondern fordern ihr Recht auf inklusive Bildung ein.

Diese Analyse ist (leider) noch zu optimistisch. Dass die Ablehnung eines Schülers mit Behinderung zum Karrierekiller für solche Schulleitungen und Schulaufsichten werden kann, die sich nicht in der Lage sehen, Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf, einen angemessen ausgestatteten Platz an der allgemeinen Schule zu organisieren, ist ein durchaus erstrebenswerter Zustand.

Bedenklich, nein: verwerflich! finde ich aber die übertriebene Polemik, ja – und hier polemisiere ich selber – Hetze, die Leute wie Hans Wocken gegen fachspezifisch denkende Sonderpädagogen betreiben, diesen hysterischen, aufgepeitschten Ton, die teilweise mitschwingende Irrationalität, die für das Ego des Theoretikers gut sein mag. Der Minderheit der Behinderten, für die sich der Theoretiker vorgeblich einsetzt, schadet eine solche Polemik mit Sicherheit.

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Scheinbare Menschenfreundlichkeit mit fatalen Fehlern

Scheinbare Menschenfreundlichkeit mit fatalen Fehlern

Etikettierung und Hilfe – ein Beispiel

Wenn Menschen als „krank“ oder „behindert“ etikettiert werden, ist das weder schön noch angenehm.

Wir dürfen aber – besonders vor dem Hintergrund der Inklusionsdebatte – nicht vergessen, dass mit manchen Etikettierungen auch Ansprüche auf Hilfe verbunden sind, die es ohne eine solche Diagnose nicht gäbe.

Behinderte finden in Deutschland kaum Ausbildungsplätze

Behinderte finden in Deutschland kaum Ausbildungsplätze

Inklusion – Schulisch und beruflich


Es wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf die Inklusionsdebatte, wenn deutlich wird, dass sie im schulischen Bereich teilweise mit einer fast schon religiösen Inbrunst geführt wird, die Realitäten aber überhaupt nicht zu den vielen warmen Worten passen wollen.

Inklusion in Deutschland. Das ist nicht nur – so wie sie von GEW, SPD, grün-lila-was auch immer propagiert und agitiert wird – eine Veranstaltung, die ein wenig an Orwells Neusprech erinnert. Sie ist – wie bereits erwähnt, auch ein Sonderweg.

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Inklusive Bildung braucht exklusive Professionalität

„Inklusive Bildung braucht exklusive Professionalität“

Dies ist der Titel eines Positionspapiers der dgs (Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik).

Wie wichtig diese Position ist, wird einem klar, wenn man sich eine Bemerkung von Prof. Dr. Clemens Hillenbrand vor Augen führt: „Deutsche Befunde kommen international nicht vor! Internationale empirische Befunde werden in Deutschland nicht rezipiert!“ (Hillenbrand 2012: 9).

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