Lesen Sie und zählen Sie!

Warum ich so häufig und so gerne gegen die Thesen von HANS WOCKEN polemisiere?

Was soll ich da lang und breit erklären, machen wir es doch ganz einfach:

Lesen Sie z. B. den folgenden Text mit recht weitreichenden Thesen.

http://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/21/21

Anschließend zählen Sie bitte die Belege aus der internationalen Debatte (oftmals daran zu erkennen, dass sie auf Englisch sind). Abschließend bilden Sie sich bitte Ihr eigenes Urteil. Vielleicht verstehen Sie dann, was ich nicht verstehe: Wie es möglich ist, über die angeblichen oder tatsächlichen Vorzüge eines bestimmten Schulsystems (hier: der inklusiven Schule) zu schreiben, ohne auch nur eine einzige Studie aus einem Land, das ein solches Schulsystem praktiziert, zu zitieren. Es wäre ja durchaus interessant zu erfahren, ob z.B. in Italien, den USA oder Finnland die Prävalenz von Schulangst geringer ist als in Deutschland, Österreich oder der Schweiz. Besonders würde mich das Beispiel Dänemark interessieren, dessen Inklusionsansatz mir persönlich wegen der guten Ressourcenausstattung sehr sympatisch ist. Aber jetzt schreib ich schon wieder viel zu viel.

Lesen Sie und zählen Sie!

Denn sie wissen nicht, wovon sie schreiben

Ich rege mich ja gerne mal über HANS WOCKEN auf.

Auf der anderen Seite der Front geht es aber noch weit schlimmer.

So schreibt ein gewisser GERD HELD in einem Beitrag in der WELT:

Die Idee, dass behinderte und nicht behinderte Kinder in einem Klassenzimmer erfolgreich lernen können, ist eine Fiktion. Sie ist rücksichtslos gegenüber der Mehrheit und der Minderheit zugleich.

Da ist man sogleich auf die Begründung gespannt. Immerhin handelt es sich um eine sehr weitreichende These.

Erwarten könnte man nun beispielsweise eine genaue Analyse von Lernbarrieren und Kommunikationshindernissen bei Schülern mit diversen Förderschwerpunkten und Funktionsbeeinträchtigungen. Aber Pustekuchen, es kommt nur heiße Luft und verallgemeinerndes Geschwafel, das keinerlei Sachkenntnis erkennen lässt.

Hätte er doch besser geschwiegen statt geschrieben!

Verschiedene Wege zu einem inklusiven Bildungssystem: Der pragmatische Ansatz

Ahrbeck, B.: Inklusion. Eine Kritik. Stuttgart: Kohlhammer 2014.

Neben den populären Schriften z. B. eines Hans Wockens ist es im Sinne einer aufgewogenen Kenntnisnahme unterschiedlicher Positionen innerhalb der INKLUSIONS-Debatte, wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen.

Eine deutlich pro-inklusive Haltung mit einem gehörigen Schuss Realitätssinn finden wir bei Bernd Ahrbeck. Zu seinem neuen Buch schreibt die Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Humboldt-Universität zu Berlin:

„Die schulische Inklusion ist heute ein allseits akzeptiertes Ziel. Ein Mehr an Gemeinsamkeit von Kindern mit und ohne Behinderung kann nur begrüßt werden. Allerdings bleiben in der Inklusionsdebatte viele der anstehenden Fragen ungeklärt, darunter auch solche grundsätzlicher Art. Sie beziehen sich auf das Fernziel einer „inklusiven“ Gesellschaft, das weitreichende Versprechen einer neuen Bildungsgerechtigkeit und gewagte pädagogische Konzepte, die dazu führen, dass die Bedürfnisse behinderter Kinder nur noch unzureichend beachtet werden. 
Vor unrealistischen Erwartungen, die mit einem radikalen Inklusionsverständnis einhergehen, wird gewarnt. Mit der Inklusion beginnt kein neues Zeitalter der Pädagogik: Die Grenzen des Möglichen und Sinnvollen müssen gesehen und anerkannt werden.“ 

Inklusion: Unterschiedliche Akzeptanz je nach Förderschwerpunkt

Eine Umfrage der Bertelsmann Stiftung (2011, N=1505) belegt, dass die Akzeptanz der Inklusion je nach Förderschwerpunkt der Inklusionsschüler stark differiert. Am höchsten ist die Zustimmung zum gemeinsamen Lernen bei der Inklusion von Schülern mit dem Förderschwerpunkt Körperlich-motorische Entwicklung. Gefolgt werden diese von Kindern und Jugendlichen mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung. Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten genießen die geringste Zustimmung.

Interessant wäre die Frage nach der Akzeptanz von Schülern mit Autismus.

Statistik: Sollen nicht behinderte Kinder mit Kindern mit besonderem Förderbedarf gemeinsam lernen? | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Demagogie gegen Wissenschaft und Rationalität?

Deutschland deine Apostel

Um nicht missverstanden zu werden. Ich stimme Hans Wocken in einem wichtigen Punkt zu.

Es gab einmal eine Zeit, da war schulische Integration für alle Beteiligten, für Schüler, Eltern und Schulen, eine völlig freiwillige Sache. Eltern, die Integration wünschten, fanden – eher selten, aber immerhin gelegentlich – offene Türen. Und Schulen, die nicht wollten, mussten auch nicht. Integration war ein Gnadenakt. Seitdem von Inklusion die Rede ist und die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland innerstaatlich geltendes Recht ist,  hat sich die Stimmungslage gewandelt. So manche Schulen und Schulverwaltungen sehen sich einem rechtlich gestützten Inklusionsbegehren gegenüber; sie müssen nun, was sie möglicherweise eigentlich (noch) nicht wirklich wollen.  Und die Betroffenen gehen nicht mehr betteln und Klinken putzen wie vor Zeiten, sondern fordern ihr Recht auf inklusive Bildung ein.

Diese Analyse ist (leider) noch zu optimistisch. Dass die Ablehnung eines Schülers mit Behinderung zum Karrierekiller für solche Schulleitungen und Schulaufsichten werden kann, die sich nicht in der Lage sehen, Kindern und Jugendlichen mit sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf, einen angemessen ausgestatteten Platz an der allgemeinen Schule zu organisieren, ist ein durchaus erstrebenswerter Zustand.

Bedenklich, nein: verwerflich! finde ich aber die übertriebene Polemik, ja – und hier polemisiere ich selber – Hetze, die Leute wie Hans Wocken gegen fachspezifisch denkende Sonderpädagogen betreiben, diesen hysterischen, aufgepeitschten Ton, die teilweise mitschwingende Irrationalität, die für das Ego des Theoretikers gut sein mag. Der Minderheit der Behinderten, für die sich der Theoretiker vorgeblich einsetzt, schadet eine solche Polemik mit Sicherheit.

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Behinderte finden in Deutschland kaum Ausbildungsplätze

Behinderte finden in Deutschland kaum Ausbildungsplätze

Inklusion – Schulisch und beruflich


Es wirft ein sehr bezeichnendes Licht auf die Inklusionsdebatte, wenn deutlich wird, dass sie im schulischen Bereich teilweise mit einer fast schon religiösen Inbrunst geführt wird, die Realitäten aber überhaupt nicht zu den vielen warmen Worten passen wollen.

Inklusion in Deutschland. Das ist nicht nur – so wie sie von GEW, SPD, grün-lila-was auch immer propagiert und agitiert wird – eine Veranstaltung, die ein wenig an Orwells Neusprech erinnert. Sie ist – wie bereits erwähnt, auch ein Sonderweg.

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Inklusive Bildung braucht exklusive Professionalität

„Inklusive Bildung braucht exklusive Professionalität“

Dies ist der Titel eines Positionspapiers der dgs (Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik).

Wie wichtig diese Position ist, wird einem klar, wenn man sich eine Bemerkung von Prof. Dr. Clemens Hillenbrand vor Augen führt: „Deutsche Befunde kommen international nicht vor! Internationale empirische Befunde werden in Deutschland nicht rezipiert!“ (Hillenbrand 2012: 9).

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