Historische Texte: Semantische Störungen nach Siegmüller (2003)

Bedeutungserwerb

Der Ansatz von Siegmüller bezieht sich in erster Linie auf das Sprachverständnis bei Nomen. Sie belegt in der hier zusammengefassten Untersuchung, dass der Erwerb semantischer Kategorien verdeckt, früh und schnell stattfindet. Sie fordert deshalb, dass diese Störungen früh in der Therapie angegangen werden müssen.

Sie vertritt die These, dass Lexikonerwerb und Bedeutungserwerb zwar häufig nicht unterschieden werden und auch miteinander verknüpft sich entwickeln. Um mögliche Störungsschwerpunkte ermitteln zu können, ist aber ihrer Meinung nach eine getrennte Betrachtung notwendig.

Theoretischer Hintergrund: „Constraint-Annahme“ (Markman 1990).

Diese besagt, dass das Kind zu Beginn des Spracherwerbs dazu neigt, Dinge in thematischen Bezug zueinander zu setzen und in der erlebten Situation abzuspeichern. Ein Langzeitgedächtniseffekt tritt dabei nur selten auf, diese Form der semantischen Struktur ist sehr instabil. Außerdem ist diese Art der Speicherung sehr gedächtnisbelastend, weil häufig vorkommende Objekte mehrfach (in mehreren Situationsrepräsentationen) gespeichert werden können.
Im Alter von ungefähr 18 Monaten (Beginn des Wortschatzspurtes) beginnt das Kind statt des thematisch relatierten semantischen Struktursystems das Taxonomische Constrain zu beachten. Damit ist das Kind in der Lage, aufgrund von semantischer Merkmale Objekte zu kategorisieren. Die Reihenfolge, in der das Kind Kategorien aufbaut, ist kulturell bedingt. Typische frühe Kategorien sind aber Tiere, Kleidung und Lebensmittel (natürliche Objektkategorien, die Arten und Klassen bezeichnen, die objektiv in der Umwelt existieren).
In der Untersuchung Siegmüllers zeigt sich, dass sich der Erwerb der hoch frequenten Wörter anders verhält als der Erwerb der niedrig frequenten Wörter (statistisch bedeutsame Frequenzeffekte). Beide Kurven gleichen sich erst im Alter von ca. 5 Jahren an. Hier tritt in der Untersuchung, die die Kategorien Tiere, Spielzeug, Kleidung, Obst und Werkzeug untersuchte, ein Deckeneffekt ein. Bis zum Alter von drei Jahren ist erkennbar, dass der Anspruch der Kategorien verschieden ist: Tiere und Spielzeug bereiten den Kindern weniger Schwierigkeiten als Obst und Werkzeug. Der Erwerb verschiedener Kategorien verläuft unterschiedlich.

Die semantische Form bildet in gewisser Hinsicht die Grundlage für die lexikalische Repräsentation. Ein Gebrauch der Wortform ist, ohne das der Sprecher eine Vorstellung von der Bedeutung des Wortes hat, schlecht denkbar. Das Mapping beim Aufbau der Einträge umfasst sowohl eine Erfassung der Wortform wie auch der semantischen Form. Die Kategorien müssen sich im Erwerb nicht zwangläufig gleich verhalten, da Semantik „die Schnittstell zum Weltwissen“ (Siegmüller 2003, 104) darstellt. Zudem hängt der Ausbau der einzelnen Felder prinzipiell vom Input ab.

Die Entwicklung der Bedeutungen umfasst den Aufbau der Wortsemantik und den Aufbau des semantischen Netzwerkes. Die Entwickung der Objektpermanenz im 8. Lebensmonat fungiert als grundlegende Schnittstelle zwischen Kognition und Sprache. Dieses kognitive Konzept ist notwendiger Entwicklungsauslöser für die semantische Entwicklung. Zusammen mit prosodisch-phonologischen Voraussetzungen ermöglicht die Objektpermanenz den Aufbau der mentalen Repräsentationen als unabhängige Symbole. „Damit ist die Bedeutungsentwicklung eine wichtige Schnittstelle zwischen dem kognitiven und der linguistischen System“ (Siegmüller, 102).

Wortschatzentwicklung besteht im Wesentlichen aus Mapping (Abbildungsprozess von einer Wortform auf einen Referenten). Dabei wird der Wortform dann eine Bedeutung zugewiesen, die anschließend als Wortbedeutung in das semantische Netzwerk eingegliedert wird.

Das semantische System gliedert sich in Wortfelder (Kategorien, semantische Felder). In diese werden die einzelnen Repräsentationen abgespeichert. Wortfelder sind hierarchische (taxonomische) Strukturen. Teilweise werden konkrete Oberbegriffe für Kategorien als Wortform repräsentiert. Dies ist jedoch nicht unabdingbar nötig. Konkrete Begriffe mit einfachen Wortformen bilden im Netzwerk den „basic level“. Hinzu kommen eine beliebige Menge abstrakter Oberbegriffe sowie häufig konkrete Unterbegriffe mit komplexen Wortformen (Kohponyme). Neben diesen taxonomischen Relationen existieren auch assoziative Relationen, die sich individueller entwickeln als die taxonomischen Zusammenhänge. Die Kategorisierungsfähigkeit folgt universalen Prinzipien und hat eine enge Beziehung zu einer Welteinteilung auch im nichtsprachlichen Bereich.

Störungen der Semantik werden von Siegmüller als Störung des semantischen Netzwerkes aufgefasst. Das semantische Netzwerk des Kindes kann auf zweierlei Weise gestört sein:

  • Störung im Aufbau semantischer Felder.

Das Kind verharrt auf der Entwicklungsstufe der thematisch orientierten Herstellung von Relationen. Die Anlage des Kategoriensystems ist gestört, das Kind vollzieht diesen Entwicklungsschritt (siehe unten) nicht. Kinder über zwei Jahre sollten Siegmüller zufolge prinzipiell über ein angelegtes Kategoriensystem verfügen und dieses auch in Testsituationen benutzen können.

  • Störung in der Abgrenzung semantischer Felder.

Das Kind verfügt zwar über ein aufgebautes Kategoriensystem. Die Zuweisung der semantischen Merkmale ist aber noch unsicher und unvollständig. Diese Fehlerart kann Siegmüller zufolge bis zum Alter von 5;0 Jahren als normal gelten. Bis zu diesem Zeitpunkt sind Übergeneralisierung alleine also noch kein sicherer Indikator für eine semantische Störung auf dieser Ebene.
Diagnostik semantischer Störungen bei Kindern
Siegmüller schlägt vor, Störungen der Semantik mit Hilfe der Methode der Begriffsklassifikation diagnostisch zu erfassen. Das Grundprinzip dieser Methode besteht darin, dass dem Kind ein Stapel Bilder gereicht wird, mit der Aufforderung, Vertreter einer bestimmten Kategorie aus dem Stapel herauszusuchen. Dabei sollten Siegmüller zufolge zwei Arten von Ablenkern eingesetzt werden:

Thematisch relationierte Ablenker (z.B. Futternapf bei der Kategorie „Tiere“) ermöglichen es, eine Störung im Aufbau der semantischen Felder diagnostisch zu erfassen. Ein Kind, das hier Fehler macht, hat noch kein Kategoriensystem aufgebaut und stagniert demzufolge auf einer frühen Entwicklungsstufe des semantischen Systems (s.o.). Diese Fehlerart sollte früher zurückgehen, weil ein Kind mit einem etablierten Kategorienssystem die thematischen Ablenker als einfacher zu differenzieren empfindet.
Kategorielle Ablenker (z.B. Stoffteddy, Schaukelpferd und Kind bei der Kategorie „Tiere“). Vertreter aus nahen semantischen Feldern ermöglichen es, zu erfassen, ob die Abgrenzung der semantischen Felder gestört ist.

Siegmüller, Julia: Entwicklung, Störungen und Diagnostik semantischer Prozesse – Begriffsklassifikation, in: Sprache Stimme Gehör 2003; 27(3): 101-109.

Spezifische Sprachförderung im Fachunterricht

Seiffert, H. (2014): Spezifische Förderung im Unterricht bei Jugendlichen mit Sprachentwicklungsstörungen, in: Ringmann, S. & Siegmüller, J.: Handbuch Spracherwerb und Sprachentwicklungsstörungen. Band 5: Jugendlichen- und Erwachsenenalter, Edition. München: Elsevier.

Seiffert – Spezifische Sprachförderung im Unterricht

Bildung – jenseits des Gelabers – Fakten

http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=76388

Spricht für sich. Anschauen (so lange es verfügbar ist).

„Klasse Lehrer?
Qualität der Lehrenden unter die Lupe nehmen: Wenn Schüler versagen, suchen wir die Ursachen schnell in zu großen Klassen, in schlechter technischer Ausstattung, im Elternhaus. Dabei ist für den Schulerfolg vor allem der Lehrende wichtig.“

Profitieren schwache Schülerinnen und Schüler von homogenen Klassen?

50 Jahre später noch messbar: „Wer als Kind auf eine Schule mit sehr leistungsstarken Schülern ging und selbst eher durchschnittliche Noten hatte, verdiente später weniger und arbeitete in weniger angesehenen Berufen als jemand, der auf einer Schule mit schwächeren Schülern war.“

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/schule-schwache-schueler-gehen-in-starken-klassen-unter-a-1233603.html

Ein solcher Satz muss nachdenklich machen – wenn die Studie methodisch sauber ist. Nach dem derzeitigen bildungsideologischen Paradigma müsste das Gegenteil eintreffen.

Und wirklich: so ganz unhinterfragt kann man diesen Satz nicht stehen lassen.

Für sehr schwache Schülerinnen und Schüler hat die Mega- und Metastudie von Walter („Einer flog über’s Kuckucksnest“) ergeben, dass sie von einer Sonderbeschulung nicht profitieren. Es muss also immer gefragt werden: „Um welche Schülerinnen und Schüler geht es genau?“

Informationen über den gemessenen IQ sind hier genauso hilfreich wie Aussagen über diagnostizierte Teilleistungsstörungen usw.

Es scheint hier um Schülerinnen und Schüler zu gehen, die sich „im hinteren Mittelfeld“ bewegen. Also z.B. solche Kinder, die heute von ihren Eltern auf das Gymnasium geschickt werden, früher aber wahrscheinlich eher eine Realschule besucht hätten. Es wäre gut, dies ein wenig präziser zu formulieren, um falschen Verallgemeinerungen keinen Vorschub zu leisten.