Sprachabschneider

1. Hans Schädlich: Der Sprachabschneider

Als Hans Joachim Schädlich seinen Kinder- und Jugendroman „Der Sprachabschneider“ veröffentlichte, orientierte er sich an Goethes „Faust“.

Die Rolle des Frankfurter Gelehrten wurde von Paul, einem Schüler mit nur sehr geringer Anstrengungsbereitschaft, ausgefüllt.

Der Pudel Mephistopheles wird in dem aktualisierten Plot vom Vielolog, einer Figur mit magischen Fähigkeiten und einer linguistischen Sammelleidenschaft, gegeben.

Die Seele, die Paul verkauft, ist seine Sprachkompetenz, die er peu à peu gegen einen All-Inklusive-Hausaufgabenservice eintauscht.

Doch schon bald erkennt Paul, dass er die Freiheit, die er gewonnen hat, indem er den Vielolog seine Hausaufgaben erledigen lässt, teuer erkauft hat.

Folgende sprachliche Kompetenzen tauscht der Schüler während er im Banne des Vielologen ist, gegen Hausaufgaben ein:

Bestimmte Artikel und Präpositionen. Nun sagt er Sätze wie:

„Ich gehe Sportplatz.“ „Ich war Fußballtraining. Hinterher saßen wir noch Eisdiele.“ „Main fließt Rhein.“

Alle Verbformen – außer dem Infinitiv. Das Resultat dieser weiteren sprachlichen Reduktion sind Sätze wie:

„Gehen du auch Zirkus?“ „Wann machen Du Hausaufgaben?“

Konsonantenhäufungen am Wortanfang (aber nur der erste Konsonant). Nun klingt das so:

„Zehn Rippen“ [statt Schrippen], „zwei Ratwürste, eine Tüte Hafer-Locken und eine Tüte Raupen.“

Die Folgen seiner eingeschränkten linguistischen Kompetenzen bekommt Paul unmittelbar zu spüren: soziale Ausgrenzung, Spott, Konflikte, Disziplinarmaßnahmen. Ein Glück nur, dass es ihm mit Hilfe seines Freundes Bruno gelingt, den Sprachabschneider zu überlisten und den Pakt rückabzuwickeln.

2. Ohne Grammatik geht es nicht

Ein Kinderbuch – sicher. Aber ist es soweit von der Realität entfernt? Kommen wir zu des Pudels Kern, Verzeihung: zu des Sprachabschneiders Sprachtrophäenkiste.

Lösen sie doch bitte folgende Aufgabe:

John Schulunterricht 8:10 beginnen. Morgens sechs Schulstunden 45 Minuten haben. Erste, dritte und fünfte Stunde 5 Minuten Pause haben, zweite und vierte 25 Minute. Berechnen Schultag enden.

Ich bin mir sicher, die Lösung dürfte Ihnen nicht ganz leicht fallen. Ergänzen wir Funktionswörter und Artikel. Wir erhalten den folgenden Text:

John Schulunterricht um 8:10 Uhr beginnen. Er morgens sechs Schulstunden zu je 45 Minuten haben. Nach der erste, dritte und fünfte Stunde er 5 Minuten Pause haben, nach der zweite und vierte jeweils 25 Minute. Berechnen der Schultag enden.

Auch weiterhin sind viel Bezüge unkar. Ein wenig besser wird die Sache, wenn wir die Verbzweitstellungsregel im Hauptsatz und die Subjekt-Verb-Kongruenz hinzunehmen.

Johns Schulunterricht beginnt um 8:10 Uhr. Er hat morgens sechs Schulstunden zu je 45 Minuten. Nach der erste, dritte und fünfte Stunde hat er 5 Minuten Pause, nach der zweite und vierte jeweils 25 Minuten. Berechne endet der Schultag.

Weitere Bezüge können verstanden werden, wenn das Kasussystem hinzukommt:

Johns Schulunterricht beginnt um 8:10 Uhr. Er hat morgens sechs Schulstunden zu je 45 Minuten. Nach der ersten, dritten und fünften Stunde hat er 5 Minuten Pause, nach der zweiten und vierten jeweils 25 Minuten. Bereche, endet der Schultag.

Die Lesbarkeit und Verständlichkeit des Textes nimmt weiter zu. Aber immer noch fehlt ein entscheidender Punkt. Logische Bezüge fehlen fast komplett. Sie werden im Deutschen in erster Linie durch untergeordnete Nebensätze sprachlich kodiert, die durch bestimmte Subjunktionen (Einleiter) und die Verbenstellungsregel im Nebensatz gekennzeichnet sind. Das Resultat:

„Johns Schulunterricht beginnt um 8:10 Uhr. Er hat morgens sechs Schulstunden zu je 45 Minuten. Nach der ersten, dritten und fünften Stunde hat er 5 Minuten Pause, nach der zweiten und vierten jeweils 25 Minuten. Bereche wann der Schultag endet.“ (Lambacher-Schweizer 2016, 36)

Bei der folgenden Aufgabe (Lambacher-Schweizer 2016, 43) wird als Zusatzinformation eine Zeichnung ergänzt, aus der hervorgeht, dass eine 2-ct-Münze 3 g schwer und eine 10-ct-Münze 2 mm dick ist.

Lotterie man zwei Gewinne auswählen können. Man viele 2-ct-Münzen erhalten, schweres Auto aufgewogen werden, oder 10-ct-Münzen, 100 m hohe Turm stapeln können. Welchen Gewinn entscheiden würden? Rechnung begründen.

Ergänzen wir auch hier Funktionswörter und Artikel:

Bei einer Lotterie man zwischen zwei Gewinne auswählen können. Man entweder so viele 2-ct-Münzen erhalten, ein schweres Auto aufgewogen werden, oder so viele 10-ct-Münzen, ein 100 m hohe Turm stapeln können. Für welchen Gewinn du entscheiden würden? Deine Rechnung begründen.

Die Aufgabe wird ein wenig verständlicher, wenn die Verbzweitstellungsregel im Hauptsatz und die Subjekt-Verb-Kongruenz hinzukommen:

Bei einer Lotterie kann man zwischen zwei Gewinne auswählen. Man erhält entweder so viele 2-ct-Münzen, ein schweres Auto wird aufgewogen, oder so viele 10-ct-Münzen, ein 100 m hohe Turm kann stapeln. Für welche Gewinn würdest du dich entscheiden? Begründe deine Rechnung.

Nun das Kasussystem:

Bei einer Lotterie kann man zwischen zwei Gewinnen auswählen. Man erhält entweder so viele 2-ct-Münzen, ein schweres Auto wird aufgewogen, oder so viele 10-ct-Münzen, einen 100 m hohen Turm kann stapeln. Für welchen Gewinn würdest du dich entscheiden? Begründe deine Rechnung.

Nun die komplexe Syntax:

„Bei einer Lotterie kann man zwischen zwei Gewinnen auswählen: Man erhält entweder so viele 2-ct-Münzen, dass man damit ein 900 kg schweres Auto aufgewogen wird, oder so viele 10-ct-Münzen, dass man damit einen 100 m hohen Turm stapeln könnte. Für welchen Gewinn würdest du dich entscheiden? Begründe deine Rechnung.“

3. Schlussfolgerungen

Wir können sicher davon ausgehen, dass das Verständnis grammatischer Strukturen der Fähigkeit, sie aktiv zu gebrauchen, voraus läuft. Ebenso sicher können wir aber auch davon ausgehen, dass eine grammatische Struktur, bevor sie erworben wurde, auch nicht verstanden werden kann.

Das hier dokumentierte Gedankenexperiment veranschaulicht sehr eindrücklich, dass für das Aufgabenverständnis im Besonderen wie für das Textverständnis im Allgemeinen die in der Literatur beschriebenen grammatischen Erwerbsstufen eine unabdingbare Voraussetzung bilden.

Wir können ferner schlussfolgern, dass mangelnde oder nicht vorhandene grammatische Fähigkeiten das Lernen und auch die kognitive Entwicklung bremsen.

Es erscheint nur schwer vorstellbar, sich ein vollumfängliches Erreichen der Stufe der konkreten und erst Recht der formalen Operation vorzustellen, wenn die grammatischen Basiskompetenzen in Mutter- und Bildungssprache nicht einen gewissen Mindeststand erreicht haben.

Literatur

Lambacher Schweizer 5 (2016). Schülerbuch 5. Schuljahr. Ausgabe für Nordrhein-Westfalen ab 2016. Gebundene Ausgabe. Stuttgart: Klett-Verlag.
Motsch, H.J. (2010). Kontextoptimierung, evidenzbasierte Intervention bei grammatischen Störungen in Therapie und Unterricht. München: Reinhardt.
Schädlich, H.J. (1993). Der Sprachabschneider. Reinbeck: Rowohlt.

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